Konstrukt: Liebe

Die Liebe. Seit jeher wurde darüber gesungen, geschrieben, gemalt, gedichtet, gereimt. Sie beschäftigt und dient nicht nur dem täglichen Broterwerb geistreicher Philosophen und engagierter Künstler, sie gibt früher oder später ausnahmslos allen kollektive Rätsel auf. Sie gilt als DAS Allheilmittel gegen innere Leere, Antriebslosigkeit, Resignation und dem wöchentlich aufkeimenden Sonntagsblues. Zumindest liegt man gemeinhin in der Annahme dessen. Und ich spreche mich davon nicht frei.

Im Grunde ist die Liebe überall zu finden. Wenn man der besten Freundin das Herz offenbart, anschließend Trost in einer innigen Umarmung und dem wichtigen Zuspruch findet, dass man selbst alles richtig gemacht habe und nur der Arsch von Freund an diesem ganzen Beziehungsschlamassel Schuld sei. Wenn man auf sein friedlich schlafendes Kind blickt, oder wenn ein Vater verständnisvoll versichert: „Komm Sohn, halb so wild. Das war doch nur mein blecherner, neuwertiger BMW 4er Coupe den Du da am Baum zersägt hast. Hauptsache Du bist gesund!“
Solche Reaktionen erwärmen die Herzen, sie lassen die in mühsamer Kleinstarbeit errichteten Abwehrmechanismen dahinschmelzen. Wir sind erfüllt von Liebe.

Dummerweise sind diese aufkeimenden Glücksgefühle aber meist nur von kurzer Dauer. Also beginnen wir, ganz unserem menschlichen Naturell entsprechend, uns nach dem nächstgrößeren Kick zu sehnen. Gut ist nicht mehr gut genug! Wir streben nach der einzig, der wahren, der allumfassenden Liebe, die wir uns vielleicht in Form eines edlen, blondgelockten Ritters vorstellen, der ebenso erleichtert wie freudestrahlend verkündet:

Du!

Genau Du!!

Nach Dir sehne ich mich schon mein ganzes Leben. Mit Dir zusammen will ich unserem gemeinsamen Lebensabend entgegen reiten. Und Deine 4 Kinder nehmen wir mit!“

Unsere Ziele sind nicht gerade klein. Schließlich wollen wir uns bewegen, expandieren, wachsen, vorankommen und uns aufgrund dessen immer größerer Herausforderungen stellen. Nichts erscheint aufregender als ebendiesen Helden, der alle männlichen Attribute wie Kraft, Stärke, Mut, Selbstsicherheit in sich vereint, zu bändigen. Offensichtlich birgt er genau die Eigenschaften die noch fehlen, damit wir uns selbst ein bisschen vollkommener fühlen.

Wie anders sieht unser Leben dann aus, wenn eben derjenige plötzlich unseren Weg kreuzt. Die Sonne scheint heller, wir registrieren seit langem wieder den Vogelgesang, interpretieren albern die Wolkenformationen und schauen leicht über den unangebrachten Kommentar einer verbiesterten Studienkollegin hinweg. Wir möchten diese vollkommenen Augenblicke am liebsten auf ewig festhalten. Da wir aber wissen, dass Zeit linear und der Verlauf von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur bedingt beeinflussbar ist, versuchen wir doch zumindest den Auslöser dessen, also den Prinzen des Glücks, für immer in unsere Herzen zu schließen. Damit ist zeitgleich der Grundstein für das lautlose Sich-Davonschleichen des Edlen gelegt. Festhalten macht statisch und Statik ist auf Dauer langweilig. Entschuldigt bitte liebe Architekten.

Wie irritierend es ist , wenn wir plötzlich hören:

Ne Du, heut Abend hab ich leider keine Zeit. Muss noch dringend ein wichtiges Skript fertigstellen. Aber hey, mach doch einfach mal Dein Ding!“

Wie bitte? Mein Ding bist Du!!!“

Das sprechen wir natürlich nicht aus. Wie würde das denn auf ihn wirken? Er könnte ja denken, wir sind uneigenständig. Wir erfahren beiläufig von Zukunftsplänen wie:

Im Sommer will ich unbedingt mal nach Island fahren.“

Und ich?!?“, wird unser trauriges Herz wimmernd flüstern.

Ab da ist es unbedingt ratsam, den Abnabelungsprozess auf direktem Kurs anzusteuern. Und das am besten schnellstmöglich. Die Trennung wird folgen, so viel ist klar. Da nützt auch kein verzweifeltes anklammern an Strohhalme.

Wenn er sagt: „Ich mag Dich aber ich hab halt keine tieferen Gefühle für Dich“, ist das durchaus wörtlich zu verstehen. Das liegt nicht daran, dass er aufgrund seiner schwierigen Kindheit Angst vor Bindung, vor Nähe oder vor Emotionalität hat. Männer sind dahingehend ganz und gar unkompliziert. Sie denken strukturiert, linear, klar.

Wenn wir also am Boden liegen und uns windend mit der Frage quälen: „W-a-r-u-m i-m-m-e-r

i-i-i-i-c-h!?!“, könnte das dann nicht eventuell daran liegen, dass es für ein Ganzes nicht unbedingt zweier Hälften bedarf und dass man zusammen nicht zwingend weniger alleine ist...?

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05.02.2019
Mein Fazit, nach gut vier Jahren intensiver Forschungsarbeit zu dem Thema „Liebe“:

 

Für ein Ganzes bedarf es unbedingt zweier Hälften. Komplettiert wird diese Einheit allerdings nicht zwingend durch die Ergänzung eines rühmlichen Aristokraten, sie bedarf lediglich der Instandsetzung und Fusionierung unserer eigener beider Hälften. Die des weiblichen und des männlichen Prinzips.

 

So lange wir diese Qualitäten in uns noch nicht entdeckt haben, fühlen wir uns unvollständig und halb. Die Sehnsucht nach Ganzheit wirkt dabei wie ein hochleistungsfähiger Motor. Sie schubst, treibt und zieht uns nach Außen, damit wir unsere einzelnen Fragmente im Spiegel des Anderen entdecken.

 

Der Blick verweilt nicht mehr bei, sondern weg von uns und schon sind wir nicht mehr in der Lage zu differenzieren, dass all die Attribute die wir an dem anderen schätzen und lieben, lediglich der Spiegel unserer eigenen inneren, noch unentdeckten Anteile, ist. Schon ein Bruchteil der Zeit, in der wir in den Genuss des Aphrodisiaka Ganzheit kommen genügt, um uns in Sucht nach dessen Wirkkraft zu halten. Also loggen wir uns möglichst dauerhaft in das System des Anderen ein, um uns mit und durch ihn, eins zu fühlen. Spätestens dann sind Enttäuschungen, Anhaftungen und Frustrationen vorprogrammiert, denn kein anderer kann und will uns dauerhaft das geben, was wir selbst noch nicht in uns entdeckt und entwickelt haben.

 

Sobald uns dieser Mechanismus bewusst wird, können wir damit beginnen die Prinzipien in uns zu vereinen und beschreiten so, den Weg in unsere eigene Ganzheit. Selbstverständlich genießen und erfreuen wir uns dann der Begegnungen im Außen, aber wir brauchen sie nicht mehr, weil wir nichts mehr benötigen, das uns vervollständigen oder ergänzen müsste. Dann sind wir wahrhaftig frei. Frei von Bedürfnissen, von Erwartungen, frei von Forderungen.

 

Freiheit und Liebe und Liebe und Freiheit bedingen einander. Das Eine geht nicht ohne das Andere. Das mag wie ein Paradoxon klingen, denn wie viele von uns befinden sich in sogenannten Liebesbeziehungen, fühlen sich darin jedoch gefangener denn je.

Wenn wir innerlich frei sind, sind wir Könige. Wir brauchen und erwarten nichts. Wir tragen und vereinen alles in uns, wir fühlen uns rund. So werden wir ganz natürlich zu Gebenden und DAS verbinde ich mit wirklicher Liebe.

 

 

 

 

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